Wir freuen uns über die Veröffentlichung einer Besprechung von „Heimweh nach Ferne“ im Kulturmagazin „Museumsblätter“: Das Glück des LesensEinhundert Gedichte von Michael Zeller „Nach Leben schmecken sollen meine Texte, nicht nach Literatur!“, sagt Michael Zeller über…
Besprechung in den Museumsblättern: Heimweh nach Ferne
Wir freuen uns über die Veröffentlichung einer Besprechung von „Heimweh nach Ferne“ im Kulturmagazin „Museumsblätter“:
Das Glück des Lesens
Einhundert Gedichte von Michael Zeller
„Nach Leben schmecken sollen meine Texte, nicht nach Literatur!“, sagt Michael Zeller über seine Gedichte. Zum Beweis legt er eine zauberhafte Auswahl seines lyrischen Œuvres vor, die aktuell beim Verlag Rote Katze erschienen ist – und seine hier vorangestellte Bemerkung höchst erfreulich bestätigt.
Der andere Himmel
Das Haar der Frau von gegenüber
beim Waschen bloß und weich und rund
die weiße Milch dringt in sie ein
mit Lilienduft und Sonnenschein
Spürt sie den Blick auf ihren Brüsten?
Streift meine Iris sie am Ende wund?
Das Fenster schließt sich jetzt davor
und kippt den anderen Himmel mir entgegen
mit einer Wolke bloß und weich und rund
als sollte ich mich in sie legen
zum Spiel mit unsrem Zungenmund
Das Lesen scheint, man merkt es in Gesprächen oft, immer mehr zu einer Disziplin zu werden, deren Mühe viele scheuen. Prosa, na gut, wenn es nicht zu anstrengend ist. Aber Lyrik? Wer liest heutzutage noch Gedichte? Und wer schreibt noch Lyrik? Es ist jedoch verblüffend, wie beachtlich viele Lyrik-Bände auch heute noch verlegt werden. Doch erreichen sie auch das Zielpublikum, wie es einmal und bis heute Platen und Eichendorff, Klabund, Ringelnatz und Morgenstern, Rilke, Hesse, Kästner, Dehmel, Dauthendey und Kaléko taten? Michel Zellers Gedichte tun es. Seine Dichtkunst kann man getrost neben jene stellen, sie gemessen an vielem anderem dieser Tage rar nennen. Überlegte Worte lassen weise Erkenntnisse und tief gehendes Sinnen auf dem Papier Gestalt annehmen. Mit freimütigem Ernst und leisem Humor macht er seine Gedanken zu meinen – zu Deinen.
Ein Adieu
Er stand im Bad
und putzte sich die Zähne
Sie war im Mantel
und sprach leis: Ich geh
Nach tausend Worte langem Wahn
da hatte sie den Dreh
Ein kleiner Satz, präzis und leis
drei Jahre Liebe waren getan
Lebenserfahrung, feines Wissen um die Natur des Menschen und das Wesen der Liebe geben den Versen mal den Charakter vom Momentaufnahmen in denen die Zeit verharrt, dann wieder öffnen sie den ganzen Kosmos ewiger Wirklichkeit. Lebenslust, ja Lebensgier steht literarisch einträchtig neben Alltagsdrama und romantischer Idylle. Ein Lesegenuß von köstlicher Güte sind neben denen, die den Saft des Lebens schlürfen auch jene, die ohne erhobenen Zeigefinger ein erstaunlich heiteres Memento mori zum Bewußtsein bringen. Michel Zeller vermittelt das Glück des Lesens.
Dernier Cri
Ist schon schmerzlich anzusehen
wie wir in die Nacht reingehen
ohne uns groß umzudrehen
Die Grenze, die ich niemals sah
(obwohl sie stets in Rede war)
reicht an das Leben jetzt hautnah
Auf des Messers Schneide her
tippelt sich die Unrast leer
bis auch sie Legende sei -
Ein Schlag. Ein Sturz. Es ist vorbei
Langt’s noch für einen letzten Schrei?
Hier halte ich es wieder einmal mit der Empfehlung Georg Christoph Lichtenbergs: „Wer zwei paar Hosen hat mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.“
Eine ebenso wunderbare wie wundersame Gedichtsammlung, die unser Prädikat, den Musenkuß verdient hat.
Dir bleibt, wenn´s der Souffleur noch weiß
Das letzte aller Worte aufzusagen:
A u s
„Gedichte sind für mich ein Geschenk. Sie kommen angeflogen,
von irgendwoher,- ein paar Worte, ein halber Satz, ein Rhythmus, ein Ton.“
(Michael Zeller)
Quelle: https://www.musenblaetter.de/artikel/42836 / Autor: Frank Becker


