Herr Zeller an den russischen Botschafter

Unser Autor Michael Zeller wendet sich in seinem Brief vom 24. Februar 2022 an den Botschafter der Russischen Föderation, Unter den Linden 63-65, Berlin.

Sehr geehrter Herr Botschafter,   

heute sind militärische Einheiten Ihres Landes in ein europäisches Nachbarland  eingefallen. Das ist ein offener Bruch des internationalen Völkerrechts.

Für mich, als Freien Schriftsteller, ist es mehr. Unter Europäern ist es eine zivilisatorische Schande, für die Ihr Land sich bis auf die Knochen schämen muß – und nicht nur heute. Generationen junger Russen werden lange unter dieser Schande zu leiden haben.

Ich weiß, wovon ich spreche. Die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs habe ich noch in Windeln miterlebt, eines Krieges, den mein Land in erster Linie zu verantworten hat und der (auch) eine sehr hohe Zahl russischer Menschenleben gekostet hat.

Mein Vater ist in diesem Krieg umgekommen, ein großer Teil der Familie. Ich habe die Heimat verloren und bin als Flüchtling in diese Welt hineingewachsen.  Wie Sie oder Ihr Präsident groß geworden sind, weiß ich nicht. Aber ich darf Ihnen sagen: Leicht ist so ein Leben nach einem Krieg für ein kleines Kind nicht.

Dergleichen will Ihr Land  jetzt wieder über die Welt bringen, wegen eines politischen Spleens Ihres Präsidenten. Können Sie es verantworten, ihm in diesen moralischen Morast zu folgen?

Ich bin ein großer Bewunderer der russischen Literatur. Neulich habe ich Michail Lermontows Roman EIN HELD UNSERER ZEIT gelesen. “In einem anderen das Gefühl der Furcht zu wecken”, heißt es da, “ist das nicht der höchste Triumph der Macht?”

Mag sein. Doch die Reue währt länger. Über Generationen. Glauben Sie mir.  

Michael Zeller

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